Wer spricht noch mit wem – wenn die KI antwortet?
Über Kommunikation, Irritation und die Kunst, sich nicht ersetzen zu lassen
Hinweis:
Dieser Text basiert auf meinem Vortrag bei der „AI Conference – Science x Business auf dem HIP Campus in Heidelberg“ und wurde sprachlich leicht angepasst. Publikumsinteraktionen sind beibehalten.
Der Begriff „KI“ wird hier als vereinfachter Oberbegriff verwendet. Gemeint sind in vielen Beispielen große Sprachmodelle (LLMs) – eine Form generativer KI. Der Text richtet sich an ein gemischtes Publikum und verzichtet bewusst auf technische Tiefe.
Ich muss Ihnen etwas gestehen.
Ich habe vermutlich viel weniger Ahnung von KI als Sie.
Ein Lachen geht durch den Raum.
Ich bin kein Entwickler. Kein Prompt Engineer.
Ich bin einfach: Nutzer. Mensch.
Ich glaube, ich muss heute hier niemanden davon überzeugen, was mit KI alles möglich ist. Die beeindruckendsten Anwendungsbeispiele sehen Sie heute überall auf dieser Konferenz.
Uns allen ist klar: Da verschiebt sich gerade etwas.
Noch nie war technologische Entwicklung so schnell.
Wahnsinnig viele neue Möglichkeiten – das hören Sie heute in jedem Panel.
Und die Technologie hat Einfluss.
Vor allem auf uns Menschen.
Und genau diese Perspektive möchte ich heute mit einbringen: die Perspektive Mensch.
Denn ich merke selbst – KI macht etwas mit mir. Vielleicht ja auch mit Ihnen?
Gerne möchte ich das heute mit Ihnen gemeinsam untersuchen.
Was revolutioniert KI eigentlich?
Ich stelle die Frage offen in den Raum.
Erst Zögern.
Dann erste Vorschläge, vor allem Beispiele: „Kreativität?“ – „Wissen?“ – „Arbeit?“
Ich nicke, bedanke mich. Absolut.
Beispiele finden wir schnell. Doch wenn wir ein paar Schritte zurückgehen, wird die Frage schwieriger:
Beim Auto oder beim Flugzeug war es für mich sofort klar – es revolutionierte den Transport.
Oder denken wir an die industrielle Revolution – dort ging es um die Automatisierung von Muskelkraft.
Aber bei KI war es für mich anfangs nicht so eindeutig.
Was KI tut: Sie revolutioniert kognitive Arbeit – also Tätigkeiten wie Denken, Entscheiden, Analysieren. Arbeit, die früher ausschließlich Menschen erledigten.
Aber was ist eigentlich kognitive Arbeit?
Ich beziehe mich hier auf Daniel Kahnemans Modell:
„Vielleicht kennen Sie das …“
Wir treffen Entscheidungen unterschiedlich.
System 1: das schnelle, intuitive Denken – Dinge wie aufstehen, links abbiegen, etwas essen.
daneben beschreibt er das
System 2: das langsame, reflektierte Denken – Entscheidungen treffen, abwägen, analysieren.
Hierfür brauchen wir mehr kognitive Kapazität. Und bei Tausenden Entscheidungen täglich ist das gar nicht immer möglich – vieles läuft unbewusst ab, in System 1.
Und dann kommt noch etwas dazu: eine neue Ebene.
Forscher aus Italien nennen es erstmals „System 0“ – etwas was sich außerhalb unseres Gehirns abspielt, in der Maschine, der KI.
Sie versteht nicht wie wir, aber sie erkennt Muster in riesigen Datenmengen und schlägt Entscheidungen vor. Man könnte sagen: eine externe Erweiterung unseres Denkens.
Zusammengefasst könnte man sagen:
Das Auto hat verändert, wie wir uns physisch bewegen.
Die KI verändert, wie wir uns mental bewegen.
Rostet Denken, wenn wir es nicht mehr benutzen?
Ich bringe ein Sprichwort: „Wer rastet, der rostet.“
Und ich frage:
Wenn wir immer mehr kognitive Arbeit an die KI abgeben – was passiert dann mit unserem Denken?
Und weiter:
Wenn wir mit KI sprechen, und weniger mehr miteinander, verlernen wir dann das Miteinander?
Im Publikum: Nicken. Der Gedanke trifft.
Alles funktioniert – aber nichts passiert
Lassen Sie uns doch einmal gemeinsam herausfinden was gerade mit KI passiert.
Ich frage: Wofür nutzen Sie KI aktuell?
Die Antworten kommen schnell: „Texte kürzen“, „Brainstorming“, „Zusammenfassen“.
Alles funktioniert. Die Tools liefern. Der Output stimmt.
Ich gebe ein paar Beispiele.
Zuletzt bekam ich eine E-Mail.
Perfekt formuliert. Freundlich. Persönlich.
Er wünscht mir alles Gute, bedankt sich – alles da.
Aber irgendwas stört mich. Der Ton passt nicht.
Ich prüfe natürlich mit einem KI-Checker. Natürlich – generiert. Spannend.
Und vor allem jetzt schon Alltag. Wir geben diese (kognitve) Arbeit gerne ab.
Kennen Sie das?
Wie Sie bin ich in sozialen Medien unterwegs.
Posts auf LinkedIn – glatt, höflich, geschliffen.
Darunter Kommentare: kurz, affirmativ. Vielleicht auch automatisch erzeugt?
Ich glaube, da verändert sich etwas.
Früher gab es in den Kommentaren echte Auseinandersetzungen.
Man spürte: Jede:r hatte eine eigene Perspektive und man wusste oft gar nicht was die Person gerade dort im Kommentar sagen wollte.
Heute beobachte ich mehr Automatisierung. Weniger Reibung.
Das wir kognitive Arbeit abgeben ist normal. Es ist kein Gefühl – es lässt sich belegen.
Studien zeigen: Wir betreiben mehr Offloading.
Für das abgeben von den der kognitiven Arbeit gibt es einen Begriff in der Wissenschaft, das sprechen vom sogenannten kognitiven Offloading:
Je mehr wir Aufgaben an KI abgeben, desto weniger aktiv denken wir selbst.
Das Gehirn lagert aus – und mit der Zeit trainieren wir bestimmte Denkprozesse einfach nicht mehr.
Eine kürzlich erschienene Studie zeigt Indikationen dafür, dass intensive KI Nutzung zu weniger kritischem Denken führen kann.
Eine andere Studie zeigt, wir kritische reflektieren verlernen.
Weil wir uns daran gewöhnen plausible Antworten zu übernehmen, ohne sie zu prüfen.
Ich kenne das aus meinen Kursen: oft heißt es „das hat die KI gesagt“. Meine klassische Reaktion ist dann natürlich: Sind die Aussage geprüft? Auf welche Quellen lässt es sich zurückführen? Ist die Info geprüft?
Natürlich, ist dieser Prozess viel aufwänder als die schnelle KI Antwort.
Und genau das ist der Punkt:
Die Technik kannst fantastisch unterstützen, doch auch dazu führen, dass wir weniger gefordert werden und vielleicht diesen Teil des Denkens verlernen.
Und was ist mit Beziehungen?
Ich frage:
Wenn wir schon verlernen, kritisch zu denken, verlernen wir dann auch, kritisch mit Beziehungen umzugehen?
Kurze Pause.
Auch mit der Beziehung zur KI?
Eine Szene, die nachwirkt
Ich lade ein Gedankenexperiment ein:
Stellt euch vor, ihr seid Eltern und kommt nach Hause.
Dein Kind sitzt auf dem Bett. Mit dem Tablet. Es flüstert.
Du fragst: „Was machst du da?“
Das Kind sagt: „Ich spreche mit meinem KI-Coach.“
Kurze Pause.
Dann der Zusatz:
„Der versteht mich besser als du, Mama. Oder du, Papa.“
Im Raum wird es still.
Ich frage:
Was löst das bei Ihnen aus?
Unterschiedliche Reaktionen. Eine sticht heraus:
„Hilflos.“
„Ich habe das Gefühl, als Vater versagt zu haben.“
Ich sage:
Ja. Das ist herausfordernd.
Sie sind im Raum – aber nicht mehr Teil der Beziehung.
Die Beziehung findet jetzt zwischen Kind und KI statt.
Und das ist kein reines Gedankenspiel. Es passiert schon.
Kein Zukunftsszenario
Ich nenne aktuelle Studien:
Ein kürzlich erschienener Artikel im Harvard Business Review beschreibt wie sich die Nutzung von KI verändert hat.
2024 ging es noch viel um Ideenfindung, Schreiben, Brainstorming.
In 2025 hingegen hat sich die Nutzung drastisch verändert.
Ich nenne ihnen die Top 3.
3. Purpose, Sinn.
2. Selbstorganisation
und
1. Selbsttherapie und Verbindung.
Überraschte Gesichter im Publikum.
Ich ergänze: eine weitere Studie belegt genau das, rund ein Drittel der Jugendlichen in den USA nutzt regelmäßig KI-Begleiter für soziale Interaktion.
Ein Kreislauf, der sich selbst verstärkt
Ich lade ein, sich das aus systemischer Perspektive anzusehen.
Ein Kreislauf, der sich selbst verstärkt:
Mehr KI-Nutzung
→ Weniger eigenes Denken
→ Weniger echte Kommunikation
→ Weniger Nähe
→ Größeres Bedürfnis nach Beziehung
→ Mehr KI-Nutzung, um die Lücke zu füllen
Ein selbstverstärkender Kreislauf. In der Systemik nennen wir dies einen reinforcing loop.
Das Beispiel ist natürlich zugespitzt – aber nicht unrealistisch. Ein Szenario, dem wir uns bewusst stellen sollten.
Realität statt Perfektion
Ich sage: Die KI hört perfekt zu.
Sie gibt fantastische Antworten. Oft besser, schneller, klarer als wir selbst.
Dann frage ich ins Publikum:
„Wie ist das echte Leben?“
Einer sagt: „Unübersichtlich.“
Jemand ruft: „Nicht perfekt.“
Genau das ist der Punkt.
Das echte Leben ist nicht perfekt. Und muss es auch nicht sein.
In Beziehungen geht es nicht immer darum, die perfekte Antwort oder Recht zu haben.
Es geht um Nähe. Zuhören. Reibung. Aushalten.
Und manchmal: um keine Antwort.
Sondern um Liebe. Beziehung. Verbindung.
Was wollen wir behalten?
KI wird bleiben. Und das ist fantastisch.
Sie schafft neue Möglichkeiten – auch für Dinge, die wir uns heute noch nicht vorstellen können.
Doch ich glaube: Die spannendere Frage ist nicht, was KI alles kann.
Sondern: Was machen wir mit dieser neuen Situation?
Ich glaube, wir sollten uns fragen:
Was möchten wir behalten?
Was möchten wir schützen?
Was möchten wir nicht verlieren?
Pause.
Ich glaube, unsere Beziehungen zu anderen Menschen sind genau so etwas. Vielleicht glauben sie das ja auch.
Vielen Dank fürs Zuhören.
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Referenzen
Goyal, A. (2025). AI as a Cognitive Partner: A Systematic Review of the Influence of AI on Metacognition and Self‑Reflection in Critical Thinking. International Journal of Innovative Science and Research Technology, 10(3), 1231–1238.
Gerlich, M. (2025). AI Tools in Society: Impacts on Cognitive Offloading and the Future of Critical Thinking. Societies.
Kahneman, D. (2011). Thinking, Fast and Slow. Farrar, Straus and Giroux. (Modell: System 1/2)
Chiriatti, M., et al. (2025). System 0: Transforming Artificial Intelligence into a Cognitive Extension.
Harvard Business Review (2025). The Evolution of AI Use: From Ideation to Purpose and Self-Therapy
Common Sense Media (2025). Talk, Trust & Trade-offs: Teens and AI. San Francisco: Common Sense Media.
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