Das Verhalten deines Gegenübers ist okay auch wenn es dich irritiert
Dein Gegenüber macht, was es will.
Wir alle kennen diese Momente: Man sagt etwas, und beim anderen kommt etwas völlig anderes an. Man erklärt etwas in völliger Gelassenheit, und trotzdem reagiert dein Gegenüber auf eine unerwartete Weise.
Ist das Sturheit oder Unwillen? Dieser Schluss fällt oft schnell und natürlich. Doch liegt es vielmehr daran, dass Menschen die Welt nicht objektiv wahrnehmen, sondern durch ihre eigene innere Logik deuten und bewerten. Gesagtes wird nicht einfach gehört – es wird interpretiert. Durch Erfahrung, Emotion, Bedeutung. Zwei Menschen, zwei Wirklichkeiten – und der Versuch, sie in Verbindung zu bringen.
Dieser Blog nähert sich dem Thema aus mehreren Richtungen. Systemisch gedacht lässt sich menschliches Verhalten nicht mit einem einzigen Modell erklären. Deshalb versammelt dieser Beitrag Perspektiven aus verschiedenen Disziplinen: Psychologie, Neurobiologie, Kommunikationstheorie, Konstruktivismus und Systemtheorie.
Mit der Leitfrage: Warum macht das Gegenüber, was es will?
Wirklichkeit ist Konstruktion
– Die Brille des Konstruktivismus und der Kybernetik –
Wahrnehmung ist kein neutraler Prozess.
Vertreter des sogenannten konstruktivistischen Denkens gehen davon aus, dass wir die Welt nicht einfach wahrnehmen, sondern sie im Inneren selbst erschaffen. Diese Sichtweise geht vor allem auf den Philosophen Ernst von Glasersfeld und den Kybernetiker Heinz von Foerster zurück. Wir nehmen nicht „die“ Wirklichkeit wahr, sondern lediglich unsere eigene Version davon – diejenige, die für uns Sinn ergibt (von Glasersfeld, 1995; von Foerster, 1984).
Diese Wirklichkeit entsteht nicht einfach durch äußere Reize – sie wird aktiv geformt: durch Erfahrung, Emotion, Erwartung, Sprache und kulturelle Muster. Wahrnehmung ist also kein neutraler Spiegel, sondern ein lebendiger Prozess. Wir alle sehen die Welt durch unsere eigene Struktur“Brille“ – subjektiv, selektiv und geprägt von dem, was für uns Bedeutung hat (Siehe Bild).

Daraus folgt: Verhalten ist keine direkte Reaktion auf äußere Umstände, sondern Ausdruck dieser inneren Konstruktion von Wirklichkeit.
Was jemand tut, ergibt in seinem eigenen System Sinn – auch wenn es für andere unverständlich erscheint. Diese Sichtweise bildet die Grundlage vieler systemischer Ansätze: Sie bestreitet nicht, dass es eine äußere Realität gibt – aber sie betont, dass unser Zugang dazu immer durch unsere eigene Struktur“Brille“ vermittelt ist (von Glasersfeld, 1995).
Kommunikation ist Interpretation
– Die Brille der Kommunikationspsychologie –
Du sagst: „Hier zieht’s.“
Dein Gegenüber reagiert gereizt: „Dann mach’s doch selbst zu.“
Für dich kann dies es ein beiläufiger Kommentar gewesen sein. Für das gegenüber, klang dies vielleicht wie ein Vorwurf. Solche Missverständnisse sind Alltag, normal und sie sind erklärbar.
Ein bekanntes Modell des Kommunikationspsychologen Schulz von Thun liefert eine Interpretation für diese Interaktionen. Sein Kommunikationsquadrat zeigt, dass jede Botschaft mehrere Bedeutungsebenen hat – Sachinhalt, Selbstoffenbarung, Beziehung und Appell – und deshalb unterschiedlich verstanden werden kann (Schulz von Thun, 2010). Welche Ebene im Vordergrund steht, hängt vom inneren Zustand und der Beziehung zwischen den Beteiligten ab (Siehe Bild).

In genanntem Beispiel: Was sachlich gemeint war, kam als Appell oder Beziehungsaussage an. Der Unterschied liegt also nicht nur in den Worten, sondern in der inneren Deutung des Gesagten. Kommunikation ist damit kein einfacher Austausch von Informationen, sondern ein Prozess gegenseitiger Interpretation.
Menschen sind operational geschlossene Systeme
– Die Brille der Systemtheorie –
In der Theorie sozialer Systeme, geprägt von Niklas Luhmann, ist Verhalten keine direkte Reaktion auf äußere Reize. Menschen – wie alle lebenden Systeme – sind operational geschlossen: Sie nehmen Reize aus ihrer Umwelt auf, verarbeiten sie aber ausschließlich nach ihrer eigenen inneren Struktur (Siehe Bild).

Diese Sichtweise geht auf die Biologen Maturana und Varela zurück, die lebende Systeme als autopoietisch beschrieben: Sie organisieren sich selbst und verändern sich nicht durch äußere Steuerung, sondern nur durch interne Prozesse – wenn ein äußerer Impuls auf Anschlussfähigkeit trifft (Maturana & Varela, 1980).
Luhmann übertrug diese Idee auf soziale Systeme: Kommunikation, Organisationen oder Gesellschaften folgen ihrer eigenen Logik. Sie reagieren nicht auf Befehle, sondern auf Impulse,
die in ihrer Struktur Resonanz erzeugen (Luhmann, 1995).
Was bedeutet das für zwischenmenschliche Interaktionen?
Kein System kann von außen verändert werden. Es kann nur durch Irritation angestoßen werden – ob daraus Veränderung entsteht, entscheidet das System selbst (von Foerster, 1984).
Diese Sichtweise kann entlastend sein: Wenn das Gegenüber anders reagiert als beabsichtigt, heißt das nicht, dass er nicht will oder nicht kann – sondern nur, dass dein Impuls im Moment keinen strukturellen Anknüpfungspunkt findet.
Verhalten folgt dem Bedürfnis nach Sicherheit
– Die Brille der Neurobiologie –
Verhalten ist Ausdruck eines inneren Gleichgewichtsprozesses – genauer gesagt: eines ständigen neurobiologischen Bemühens um Regulation, Kohärenz und Sicherheit.
Wir als Verhalten beobachten können, ist das Ergebnis komplexer innerer Vorgänge. Dabei spielt das Gehirn eine zentrale Rolle: Es verarbeitet Informationen nicht neutral, sondern orientiert sich an dem, was sich stimmig anfühlt. Es strebt nicht nach objektiver Wahrheit, sondern nach Kohärenz – einem inneren Zustand, in dem Erleben als sinnvoll, sicher und verarbeitbar erscheint (Damasio, 1994).
Das Gehirn kann also als ein System verstanden werden, das primär auf Stabilität ausgerichtet ist – nicht auf objektive Wahrheit, sondern auf den Erhalt innerer Ordnung (Buzsáki, 2019).
Reagiert das Gegenüber z. B. verschlossen, ausweichend oder abwehrend, kann das als ein Versuch gesehen werden, etwas in sich zu stabilisieren. Vielleicht wird Kontrolle geschützt, Autonomie, das eigene Selbstbild – oder schlicht ein Gefühl von Sicherheit.
Das Verhalten richtet sich also nicht gegen dich – sondern dient der Aufrechterhaltung eines inneren Gleichgewichts.
Diese Sichtweise zeigt: Nicht alles ist persönlich gemeint – vieles ist selbstschützend. Und das ist nicht irrational, sondern neurobiologisch sinnvoll.
Autonomie ist ein Grundbedürfnis
– Die Brille der Motivationspsychologie –
Verhalten ist nicht nur emotional gesteuert – es folgt auch grundlegenden psychologischen Bedürfnissen. Wenn Menschen „machen, was sie wollen“, dann oft deshalb, weil sie dabei unbewusst versuchen, ihre Integrität, Selbstbestimmung und Wirksamkeit zu schützen.
Die Basis ist die Selbstbestimmungstheorie (engl. self-determination theory) welche drei zentrale Grundbedürfnisse beschreibt, die menschliches Verhalten tiefgreifend prägen:
- Autonomie – das Bedürfnis, selbst entscheiden zu können
- Kompetenz – das Bedürfnis, wirksam zu sein
- Verbundenheit – das Bedürfnis, dazuzugehören
Wird eines dieser Bedürfnisse bedroht, entsteht innere Spannung. Menschen reagieren dann gegebenenfalls mit Abwehr, Rückzug oder Widerstand – nicht aus Trotz, sondern um ihr inneres Gleichgewicht zu schützen (Ryan & Deci, 2000).
Ergänzt werden kann diese Perspektive durch das Konzept der Selbstwirksamkeit – der Überzeugung, durch das eigene Handeln etwas bewirken zu können. Motivation, hängt entscheidend davon ab, ob Menschen sich als handlungsfähig erleben. Fehlt dieses Gefühl, sinkt Energie und Engagement – Kooperation weicht Rückzug (Bandura, 1977).
Einschub: Das Konzpet der Selbstbestimmungstheorie ist ebenfalls ein sehr wichtiger bei der Gestaltung von evidenz-informierten Lernreisen und Lernformaten.
Und das ist okay
– Die Brille der systemischen Haltung –
Ein systemischer Blick erlaubt keine einfachen Antworten – aber oft die passenderen Fragen.
- In welchem Zusammenhang steht dieses Verhalten?
- Worauf könnte dieses Verhalten hinweisen?
- Was könnte damit geschützt oder erreicht werden wollen?
- Wie beeinflussen sich mein Verhalten und das der anderen gegenseitig?
- Was könnte helfen, dass wir einander besser verstehen?
Wir lernen: Systeme handeln nach ihrer eigenen Struktur. Verhalten entsteht aus innerer Ordnung – nicht als Reaktion auf äußere Steuerung. Was von außen unlogisch wirkt, ist innerhalb des jeweiligen Systems oft konsistent.
Veränderung ist möglich, aber nicht erzwingbar. Systeme verändern sich, wenn neue Informationen intern Anschluss finden, nicht, weil jemand von außen überzeugt, drängt oder erklärt (Luhmann, 1995).
In diesem Sinn ist Einfluss begrenzt. Kommunikation kann irritieren, Orientierung bieten, Beziehung ermöglichen – aber sie kann keine Veränderung herstellen. Das gilt für Gespräche, Teams und Organisationen gleichermaßen.
Eine systemische Haltung nimmt diese Begrenzung ernst. Sie versucht nicht zu kontrollieren, sondern Anschluss zu schaffen – an das, was im Gegenüber Bedeutung finden kann (von Foerster, 1984). Sie verzichtet auf Bewertungen und bleibt handlungsfähig – im Bewusstsein von Eigenlogik, Unterschiedlichkeit und Autonomie.
Die systemische Haltung ist eine konsequente Form von professionellem Handeln: klar, begrenzt, wirksam – dort, wo Wirkung möglich ist.
Mehr?
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Referenzen
Bandura, A. (1977). Self-efficacy: Toward a unifying theory of behavioral change. Psychological Review, 84(2), 191–215.
Buzsáki, G. (2019). The brain from inside out. Oxford University Press
Damasio, A. R. (1994). Descartes’ Error: Emotion, Reason, and the Human Brain. G.P. Putnam’s Sons.
Luhmann, N. (1995). Social systems (J. Bednarz Jr., Trans., with D. Baecker). Stanford University Press. (Original work published 1984)
Maturana, H. R., & Varela, F. J. (1980). Autopoiesis and Cognition: The Realization of the Living. D. Reidel.
Ryan, R. M., & Deci, E. L. (2000). Self-determination theory and the facilitation of intrinsic motivation, social development, and well-being. American Psychologist, 55(1), 68–78.
Schulz von Thun, F. (2010). Miteinander reden 1: Störungen und Klärungen. Rowohlt.
von Foerster, H. (1984). Observing Systems. Intersystems Publications.
von Glasersfeld, E. (1995). Radical Constructivism: A Way of Knowing and Learning. Falmer Press.
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